Montag, 03.09.2007
Wir erwachten früh in unserem Zelt. Aber nicht, weil es laut war oder wir unsanft geweckt wurden, sondern weil die Sonne uns auf das Zeltdach schien und es eben einfach hell war. Kurzerhand wurde Kaffee gemacht, geduscht und gefrühstückt.
Eigentlich hatten wir für diesen Tag keinen richtigen Plan, nur dass wir uns umsehen und die Gegend erkunden wollten. Also stiefelten wir schon bald aus dem Eingangstor des Campingplatzes nach rechts hinaus die Straße hinauf. Schon bald liefen wir über einen Bahnübergang und kamen direkt in den kleinen Ort Crabbia am Hang des Monte Crabbia o Barro.
Wir liefen die Via Crabbia hinauf und sahen von fern das Oratorio di Santa Anna e Sant Martino. Weiter ging es in die Via alla Chiesa hinein, vorbei an der Via San Martino. Irgendwann teilte sich die Strasse und wir hielten uns links und gingen die Via Pianzera hinein. Das Örtchen war wirklich reizend anzusehen. Viele Häuser zeigten sich mit mittelalterlichem Charm und es machte Spaß, die engen Gassen entlang zu schlendern. Vor allem die vielen blühenden Hecken verbreiteten auch jetzt im September noch einen wunderbaren Duft von Sommer. Mittlerweile wurde es auch langsam wirklich warm und wir waren froh, Getränke eingepackt zu haben.
Die Via Pianzera teilte sich nach kurzer Zeit wieder. Auch hier hielten wir uns links und liefen in die Via Pela hinein. Schon bald verwandelte sich
diese Strasse in einen ausgebauten Feldweg. Links am Weg lagen alte verfallene Häuser, die nur noch von den verfallenen Menschen, die dort lebten, zusammengehalten wurden. Zwischen den Häusern lagen saftig grüne Wiesen und zitronengelbe Schmetterlinge flatterten über diese wunderschöne Landschaft. Die Sonne strahlte vom azurblauen Himmel und man fühlte sich ein bißchen ins Mittelalter zurückversetzt. Jeden Moment erwartete man einem alten Pferdewagen zu begegnen oder musizierenden Strassenmusikanten.
Wir folgten dem Weg und einer ziemlich unübersichtlichen Wanderkarte, die uns mehr ins Nirvana führte, als an irgendeinen Ort.
Da wir nun schon mittlerweile ziemlich hoch über der Hauptstrasse liefen, entschlossen wir uns einen rechts liegenden kleinen steilen Weg nach unten einzuschlagen. Es ging steil bergab.
Die vielleicht früher mal vorhandenen und mittlerweile von Gras überwucherten Stufen machten den Abstieg ein wenig abenteuerlich. In der Mitte des Weges liefen wir über eine kleine Brücke, die uns ein zweites Mal über die Bahnschienen hinweg führte. Am Ende des Abstiegs trafen wir wieder auf eine geteerte Straße (warscheinlich die Viale Stazione), die uns direkt in den Hauptteil
von Pettenasco hineinführte. Wir folgten der Straße und bogen bald nach links in die Via per Armeno ab, die direkt am Fluß T. Pescone entlang führt. Schon bald trafen wir ein drittes Mal auf die Eisenbahn, nur diesesmal gingen wir unter ihr durch. Ein kleiner Weg, der rechts abzweigte führte uns zu dem gesuchten Wanderweg. Über eine kleine verwunschene Brücke überquert man den Wildbach Pescone.
Direkt hinter der Brücke geht eine kleine Treppe hinab zur Paganetto-Quelle, die heilendes Wasser spenden soll. Wir sahen sogar eine alte Italienerin, die sich Wasser in alte Plastikflaschen abfüllte. Man kann von der alten Quelle aus direkt zum Fluß hinunterklettern und auf den Steinen des alten Stauwehrs eine kurze Pause einlegen.
Zu dem alten Stauwehr gehört auch eine alte verfallene Mühle. Wir genossen hier die Sonne und beratschlagten wir wir weiter gehen wollten.
Direkt gegenüber der alten Mühle ging ein gut ausgebauter Wanderweg nach rechts in Richtung Carcegna ab. Weiter ging es und schon bald wanderten wir am Hang des Monte di Carcegna entlang mit einem wunderbaren Blick auf die Halbinsel Orta San Giulio.
Vorbei an uralten Steinmauern und wild wuchernden Rosenhecken verwandelte sich der Weg bald in einen Trampelpfad, der immer schmaler wurde, bis er zuletzt kaum noch als Weg erkennbar war. Der Weg war so zugewuchert, daß er sogar fast nur noch als Kaninchenpfad zu bezeichnen gewesen wäre.
Keine Ahnung, wo wir da wieder falsch abgebogen sein könnten, zumal es überhaupt keine Möglichkeit gab, abzubiegen. Wir schlugen uns also durch dieses Gestrüpp und hofften, dass danach nicht allzu viele Tiere auf uns krabbeln. Als es fast gar nicht mehr ging und wir oberhalb eines Grundstückes halbwegs gebückt entlangkrochen, sprach uns der Besitzer des Grundstückes auf recht gutem Deutsch an und empfahl uns noch ein kurzes Stück weiter zu kriechen, wir hätten es bald geschafft.
Wir krochen tatsächlich weiter und nach ein paar Metern tauchten wir aus einem Knick zwischen dem wirklichen Wanderweg
und der Aufahrt zum Grundstück des alten Herren. Wie waren wir bloß auf diesen Trampelpfad gekommen. Der richtige Wanderweg war breit und gut ausgebaut und mit einem Schild versehen auf dem dick und fett PETTENASCO stand.
Egal... wir waren wieder auf einer geteerten richtigen Straße und wanderten schon nach kurzer Zeit durch den wunderschönen Ort Carcegna. Auch hier reihen sich die kleinen gemütlichen Häuser mit ihren mittelalterlichen Fassaden aneinander, gebaut vor mehr als 100 Jahren.
Aber schon bald führte uns der Weg wieder aus dem Ort hinaus, über eine Straße und in einen ziemlich breiten Wanderweg hinein.
Hier zeigte ein sehr aussagekräftiges Hinweisschild auf den weiteren Weg hin. Nun gingen wir in Richtung Miasino weiter. Dieser Abschnitt unserer Wanderung war nicht besonders lang, aber dafür umso schöner. Der den Weg umgebende dichte Wald ist Heim für eine hohe Anzahl der verschiedensten Vögel, die lautstark uns zu Ehren ihre Kehlen strapazierten.
Schon bald kamen wir in den Ort Miasino und gingen an dem Grundstück einer riesigen Villa entlang und unter einer kleinen Fußgängerbrücke hindurch.
Wir folgten den Hinweisschildern in Richtung Orta San Giulio. Wir gingen entlang einer großen breiten, aber sehr kurvigen Straße. Ein Glück, denn so mußten die Autofahrer, die uns hupend überholten, wenigstens ein bißchen abbremsen. Die Straße lief direkt auf einen großen Verkehrskreisel zu. Und hinter diesem Kreisel, geradewegs darüberhinweg, war unser Ziel erreicht. Die kleine Halbinsel Orta San Giulio.
Gleich zu Beginn des Spaziergangs rundum die kleine Halbinsel trohnt die Villa Crespi. Die Villa ist ein sehr luxoriöses Hotel mit angrenzendem Park. Man sieht den Turm, der aussieht wir ein Kirchturm, schon von weitem durch die hohen Baumwipfel hindurch und zeigte uns den richtigen Weg nach San Giulio.
Direkt vor der Villa Crespi fahren auch die kleinen Bummelbahnen los, die eine Rundfahrt einmal um die kleine Halbinsel anbieten. Gegenüber der Bummelbahnhaltestelle befindet sich auch gleich ein Informationsstand mit einer Infotafel, die über die verschiedenen Gebäude auf der Halbinsel informiert sowie ein Kiosk und ganz wichtig für die Madels unter uns... Toiletten!
Jo und ich entschieden uns, trotz mittlerweile schmerzenden Füßen, nicht die Bahn zu nehmen, sondern die Halbinsel zu Fuß zu erkunden. Es sollte einen netten kleinen Wanderweg immer am Ufer des Lago d'Orta entlang geben, der einmal um die ganze Halbinsel führt.
Nach kurzer Rast und Picknick mit Blick auf die Villa Crespi ging es los. Den Weg zu finden, ist nicht so leicht. Die Gemeindevertretung von San Giulio entschied vor nicht allzu langer Zeit, dass mehr für den Tourismus getan werden soll und richtete so diverse Wanderwege und Touren um und über die Insel ein. Sehr zur Freude der vielen Touristen, die gerne San Giulio besuchen. Allerdings auch sehr zum Leidwesen der Einwohner des Ortes, die nun mit aller Macht und vielen nicht zu übersehenden Verbotschildern, zum Teil selbst gemahlt, versuchen die Touristen abzuschrecken.
Vom Info-Stand kommend, läuft man zuerst auf der großen breiten geteerten Straße und hält sich rechts bis bald ein sehr hübscher,
gut ausgebauter Kopfsteinpflasterweg nach rechts abbiegt in Richtung Ufer. Hier prangt so ein riesiges Verbotsschild, dass einen schon erstmal glauben lässt, es handele sich um einen Privatweg. Zumal man nicht allzu weit entfernt ein paar chick aggressive Hunde bellen hört. Es ist aber kein Privatweg, sondern der öffentliche Weg und Beginn der Ufertour vorbei an schönen Gärten mit Einwohnern, die sich durch die Touristen gestört fühlen.
Aber ganz ehrlich,.. auf die meisten Touristen wirken die Schilder tatsächlich... wir haben kaum jemanden auf diesem Weg getroffen. Viele Besucher wandern direkt in den Ort, quer über die Halbinsel.
Es ging also Richtung Ufer und gleichzeitig ein paar Meter bergab. Dann bogen wir nach links in den wunderschönen frisch gepflasterten Uferwanderweg ein und wanderten auf diesem mindestens 30 Minuten immer geradeaus.
Es empfielt sich zwischendurch, den Füßen eine erfrischende Abkühlung in dem kristalklaren Wasser des Lago d'Orta zu gönnen und die wunderbare Ausssicht auf die kleine Insel Isola di San Giulio und das gegenüberliegende Ufer zu genießen.
Vorbei am P. ta Móvero, der Spitze der Halbinsel, kommt man bald zur bekannten Villa Motta und danach direkt in den Ort hinein.
Anfangs durch enge Gassen laufend, sieht man gut restaurierte alte Gebäude in denen nun zum Teil Boutiquen, Schmuck- und Delikatessenläden ihre Waren anbieten. In einem wunderschönen alten Gebäude befindet sich auch die Touristeninformation.
Es lohnt sich, einen Schritt in das Gebäude zu wagen, auch wenn nicht auf der Suche nach Informationen ist. Der Dielengang des Gebäudes wurde liebevoll restauriert und schmückt sich mit faszinierenden Wandmalereien. Auch der schön bepflanzte Innenhof zeugt von italienischem Geschmack.
Folgt man dem Weg einfach immer weiter, gelangt man bald auf den Hauptplatz des Ortes. Hier legen auch die winzigen Fähren ab, die jeden Tag dutzende von Touristen auf die kleine Isola di San Giulio hinüberfahren. Ausserdem halten hier auch die kleinen Bummelbahnen, die vor der Villa Crespi abfahren und so ist dieser Platz überfüllt von Menschen, so dass man kaum die italienische Atmosphäre genießen kann. Eine Entschädigung dafür bieten die vielen kleinen Eiscafés! Besonders ein sehr kleines Kaffee, typisch italienisch eingerichtet, bietet besonders gutes Eis. Steht man mit dem Gesicht zu dem Lädchen mit den vielen Seifen, die nach Lavendel und Rosen riechen, liegt es auf der linken Seite;
aber nicht das Kaffee mit den grellbunten Lampen, sondern das kleinere links daneben.
Der Typ hinter dem Eiscafé-Tresen sprach zwar kein deutsch, aber er verstand trotzdem unser Zeigen und gab uns die Eissorten, die wir begehrten. Kurze Zeit später saßen wir jeweils drei Eiskugeln für jeden schleckend auf einer Bank auf dem großen Marktplatz mit direktem Blick auf die Isola und die umliegenden kleinen Fischerboote und genossen dieses wunderbare, köstliche, gänsehauterregende Eis voller Nüsse, Schokolade und Kuchenstückchen. Wir beobachteten voller Fazination das bunte Treiben auf diesem Marktplatz und beratschlagten den weiteren Verlauf unserer Wanderung.
Von unserer Bank aus ging es quer über den Marktplatz in Richtung Sacro Monte ein paar Meter bergauf geradewegs auf ein schönes gelb-weißes Gebäude zu; die Chiesa dell'Assunta XV sec.. Rechts daran vorbei gelangten wir bald wieder auf einen nett ausgebauten Fußweg,
der uns im ZickZack immer weiter nach oben und vorbei an alten Häusern mit außerordentlichen Dachterassen führte.
Der 401 m hohe Sacro Monte wird umgeben vom Riserva Naturale Speciale del Sacro Monte di Orta, einem Naturreservat mit dichten Baumbestand und künstlich angelegten Bambuswäldern. Der Wahlfahrtsort Sacro Monte di Varallo (der heilige Berg von Varallo) wurde im Jahre 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.
Auf dem abgerundenten Gipfel befinden sich insgesamt 45 Sakralbauten (Kapellen in Hausgröße), die es in so gut erhaltener Form nur selten gibt. Der erste Bau stammt aus dem Jahre 1497, fertiggestellt wurde die Anlage im Jahre 1650.
Was uns an diesem Ort so faszinierte, war die endlose Stille und Kühle, von der man hier umgeben wird. Selbst die Vögel schienen vor Frommigkeit verstummt zu sein und obwohl nur selten der Himmel durch ein hohes Blätterdach verdeckt war, wollte auch die Sonne an diesem Ort nicht scheinen. Schon fast ein wenig gruselig zeigt sich einem dieser heilige Ort, so dass wir uns zwar jede Kapelle ansahen, aber kaum einen Blick in ihr Innerstes warfen.
Der Abstieg begann und bald standen wir wieder vor der Villa Crespi. Von hier aus traten wir unseren Rückweg in Richtung Crabbia an und gingen immer direkt an der SR 229 entlang, was sich schon bald als ziemlich gefährlich herausstellte. Die Autos rasen hier in einem Tempo entlang, so dass der Wind einem an den Hosenbeinen zerrt, zumal diese Strasse auf der rechten Seite direkt an den Fels grenzt und auf der linken Seite sich eine Leitplanke befindet. Wir versuchten also, auf dem halbwegs vorhandenen Standstreifen entlang zu laufen. So mancher Autofahrer wird uns hier einen Vogel gezeigt haben...
Der Weg an der Strasse war endlos... unsere Füße schrien uns böse Verfluchungen zu! Wir hatten es mal wieder übertrieben mit unserer Tour. Um abzukürzen und von der SR 229 wegzukommen, schlugen wir einen Weg bergauf ein. Der Ort Crabbia liegt viel höher als die Strasse und so mussten wir unendlich viele Stufen hinaufsteigen. Es waren wirklich viele Stufen!!! Und zu den schreienden Füßen gesellten sich schon bald meckernde Waden und ein jodelnder Po hinzu... 
Wir erreichten den Campingplatz.
An diesem Abend bewegten wir uns nicht mehr viel. Es gab essen und dann rief schon bald unser gemütliches Zelt. Ich habe selten besser geschlafen, als in dieser Nacht... :-)